Es folgt, wie ja schon angekündigt, also nun mein Geburtsbericht von der Geburt der Erbse. Ich hatte ja schon angedeutet, dass die Geburt selbst sehr plötzlich und schnell kam, obwohl wir im Vorfeld so lange darauf hingefiebert haben. Aber fangen wir mal von vorne an und erzählen eins nach dem anderen.
In dieser Schwangerschaft war das mit dem errechneten Termin ja so eine Sache. Grundsätzlich berechnet sich der Termin anhand des ersten Tages der letzten Periode vor der Schwangerschaft. Demnach wäre unser Termin der 17.03. gewesen. Mit den ersten Ultraschalluntersuchungen ergab sich anhand der Größe und Entwicklung der Erbse aber ein deutlich späterer Termin: 27.03. So weit, so gut, gegen Ende der Schwangerschaft schien der Kleine dann doch größer zu sein als gedacht, es sah also laut Ultraschall eher nach dem 20.03. aus.
Die Wochen vergingen. Ab Anfang März hatte ich immer wieder leichte Übungswehen, ich hatte das Gefühl es könnte jeden Moment los gehen. Tat es aber nicht… Es kam der 17.03., dann der 20.03…. die Übungswehen blieben, mehr kam aber nicht dazu. Im Hinterkopf immer die Osterfeiertage, die bedeuteten, dass meine Hebamme, mein Frauenarzt und unser Kinderarzt im Urlaub sind. Zwei Tage vor dem letzten der errechneten Termine hatte ich den letzten Termin beim Frauenarzt, der sich in den Osterurlaub verabschiedete, ab da ging es zu den Untersuchungen ins Klinikum. Am nächsten Tag verabschiedete sich meine Hebamme in den Urlaub, gab mir nochmal die Daten ihrer Vertretung durch und wünschte mir alles gute für die Geburt. Am 27.03. dann die erste CTG Kontrolle im Klinikum. So weit alles unauffällig, leichte Wehen zu sehen, aber nix, das irgendwie geburtswirksam sein könnte. Einziges „Problem“: Beim Ultraschall ließ sich die Größe nicht richtig messen, ich zitiere den Arztbrief: „sehr agiles Kind, Schätzgewicht daher wenig aussagekräftig“. Daher sollte bei der nächsten CTG Kontrolle zwei Tage später nochmal ein Ultraschall gemacht werden.
Also nächste CTG Kontrolle am 29.03., CTG diesmal komplett unauffällig, keine Wehen zu erkennen. Im Ultraschall diesmal mehr Glück. Die Messung ergibt allerdings ein Schätzgewicht von über 4 kg. Auch bei mehrfachem Nachmessen landen wir immer wieder jenseits der 4000g. Nachdem das Möhrchen mit seinen 3200g eher schlank war bei Geburt und wir ja auch schon, je nachdem welchen errechneten Termin man nimmt, zwischen 2 und 12 Tage drüber sind, wird mir dringend zur Einleitung geraten. Die Oberärztin würde mich am liebsten direkt in der Klinik behalten und sofort mit der Einleitung starten. (Wir erinnern uns: die Einleitung beim Möhrchen hat sich über vier Tage gezogen und ich wollte eine erneute Einleitung eigentlich unbedingt vermeiden) Damit war ich nun gar nicht einverstanden. Schlimm genug, wieder eine Einleitung zu machen, aber einfach, ohne dem Möhrchen nochmal erklären zu können, warum ich jetzt für ein paar Tage nicht Zuhause sein werde, war definitiv keine Option. (Natürlich hatten wir ihn im Vorfeld schon vorbereitet, hätte ja auch sein können, dass die Wehen losgehen während er in der Kita ist usw., aber ich wollte definitiv nochmal nach Hause bevor sie einleiten) Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen zur Einleitung in die Klinik kommen werde.
Zuhause wurden die letzten Sachen gepackt, alles für die nächsten Tage mit meinen Eltern besprochen, die das Möhrchen betreuen sollten, während der Mann bei mir im Kreißsaal ist, und zum Abschluss gab es eine leckere Pizza und ein ausführliches Gespräch mit dem Möhrchen darüber, dass unser Baby jetzt aus Mamas Bauch rauskommen möchte und ich deswegen ein paar Tage ins Krankenhaus muss.
Dienstagmorgen richte ich dem Möhrchen noch seine Kita-Brotzeit her und verabschiede den kleinen Großen, der Mann bringt ihn in die Kita. Ich rufe währenddessen im Kreißsaal an, um zu erfahren wann ich nun konkret zur Einleitung eintreffen soll. (War am Vortag so abgesprochen worden) „Kommen sie am besten einfach gleich vorbei“. Also schnell nochmal kontrolliert, ob alle Unterlagen in der Tasche sind, mich nochmal frisch gemacht und dem Mann direkt zur Begrüßung die Tüte vom Bäcker aus der Hand gerissen, um schnell noch eine Kleinigkeit zu essen. „Wir können gleich los“.
Im Klinikum hält der Mann vor der Notaufnahme, wo ich mich anmelden soll. Er wartet im Auto, um mir dann noch die Tasche zum Hintereingang vom Kreißsaal zu tragen. Da ich schon vorangemeldet war, ging die Anmeldung ganz fix. Also wieder raus aus der Notaufnahme und mit dem Mann zum Hintereingang. Hier heißt es erstmal Tschüß sagen, er wird erst wieder dazukommen können, wenn die Geburt richtig losgeht und ich tatsächlich zur Entbindung in den Kreißsaal gehe. (Eine Geburt zu Coronazeiten ist doch ziemlich anders so im Vergleich)
Eine Hebamme nimmt mich in Empfang, schmeißt sich meine Tasche über die Schulter und bittet mich, kurz im Wartebereich Platz zu nehmen. Meine Sachen lagern sie erstmal bei sich auf Station zwischen, bis es für mich ins Zimmer geht. Die Station betreten darf ich erst mit negativem Coronatest. Nach ein paar Minuten kommt eine Pflegerin für den Coronaabstrich. Dann folgt ein kurzes Gespräch mit dem Chefarzt, der die Oberärztin in der Meinung, dass auf jeden Fall eingeleitet werden sollte, bestätigt. Beim abtasten meint er, der Zwerg könnte sogar noch etwas größer sein, als im Ultraschall gemessen. (Ihr könnt euch meine Vorfreude auf die Geburt eines deutlich über 4 kg Kindes ungefähr vorstellen…) Bzgl. der Einleitung selbst lehne ich diesmal den Ballonkatheter strikt ab (falls ihr euch fragt, wovon zur Hölle ich rede, lest am besten den Geburtsbericht vom Möhrchen durch), bleibt also noch Tabletten oder Gel. Wir entscheiden uns, mit den Tabletten zu starten, das soll schonender sein, als direkt das Gel zu nutzen. Der Chefarzt meint, ich soll mich drauf einstellen, dass es schon so bis zu zwei Tage dauern kann. „Einen Aprilscherz würde ich nicht ausschließen“ (Ja sehr witzig, vielen Dank auch für’s Hoffnung machen.) Mir wird noch der obligatorische Zugang gelegt und dann ist soweit alles erledigt. Da es noch gut 1,5 Stunden dauern kann, bis mein Coronaabstrich ausgewertet ist, darf ich noch ein bisschen spazieren gehen. Um 12:00 Uhr soll ich mich wieder am Kreißsaal einfinden, dann gibt es die erste Tablette und es wird ein CTG geschrieben. Das Wetter ist zum Glück schön und spazieren soll ja auch Wehen fördern, also ab nach draußen. Natürlich darf ich niemanden mehr treffen, da sonst ja das Testergebnis vom Coronatest quasi hinfällig wäre. Ich wandere also hinter dem Krankenhaus auf und ab und vertreibe mir die Zeit damit, diverse Sprachnachrichten in die Welt zu schicken, meine Bücher waren natürlich in der Tasche, die auf Station für mich verwahrt wurde. (Danke nochmal an alle, die mir damit die Wartezeit verkürzt haben!)

12:00 Uhr. Ich watschel (anders kann man das im neunten Monat bei mir nicht mehr nennen) zurück zum Kreißsaal. Ich spüre, wie in den letzten Wochen ja immer wieder mal, ein leichtes Ziehen im Unterleib, von Wehen kann aber noch lange keine Rede sein. Die diensthabende Hebamme nimmt mich mit rein und bereitet mir eine gemütliche Ecke vor fürs CTG. Sie empfiehlt mir, mich hinzulegen, weil ich jetzt 1,5 Stunden CTG vor mir habe. Eine halbe Stunde bevor ich die Tablette bekomme und dann noch eine Stunde nachdem ich die Tablette genommen habe. Nach Einnahme der Tablette wird das Ziehen regelmäßiger, das CTG zeigt minimale Wehen, so alle 10 Minuten, an. Nach dem CTG darf ich mein Zimmer auf Station beziehen. Das nächste CTG steht um 15:30 Uhr an, ich bekomme noch Mittagessen und mache es mir mit einem Buch gemütlich bis dahin. Das regelmäßige Ziehen im Unterleib bleibt, wird aber nicht intensiver.
15:30 Uhr das nächste CTG. Weiterhin leichte Wehen alle 10 Minuten ca. Ich hatte eine minimale Blutung, es scheint sich also irgendwas zu tun. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass es doch kein Aprilscherz wird und wir vielleicht nur noch bis zum nächsten Tag auf unsere Erbse warten müssen. Nach dem CTG geht es wieder aufs Zimmer, die nächste Tablette soll ich um 17:00 Uhr bekommen. Die Wehen werden langsam intensiver, aber gefühlt alles noch weit von „richtigen“ Geburtswehen entfernt.
16:30 Uhr wieder eine halbe Stunde CTG, dann die zweite Tablette, dann nochmal eine Stunde CTG. Ich schreibe dem Mann eine Nachricht, dass ich mir vorstellen könnte, dass es ähnlich wie beim Möhrchen läuft, die Wehen über Nacht intensiver werden und es dann morgens früh wirklich losgeht. Das nächste CTG soll um 20:00 Uhr sein, ich darf erstmal zum Abendessen wieder zurück aufs Zimmer. Die Abstände während der Wehen werden kürzer. Ich beschließe, mal mit zu stoppen. Wehen alle 2 – 3 Minuten, allerdings noch von unter einer Minute Dauer. (Im Geburtsvorbereitungskurs haben wir gelernt, dass eine Wehe erst bei einer Dauer von 60 bis 90 Sekunden richtig wirksam ist) Ich schreibe dem Mann, dass es vielleicht doch sogar heute noch in den Kreißsaal gehen könnte und mache aus, dass wir noch einen kurzen Videocall machen, damit ich dem Möhrchen gute Nacht sagen kann. Gegen 19:00 Uhr wünsche ich dem Möhrchen per Video-Call Gute Nacht und sage dem Mann Bescheid, dass ich evtl schon vor 20:00 Uhr zum CTG gehen werde, wegen der kurzen Abstände, auch wenn die Wehen noch nicht so schmerzhaft sind, dass ich sie veratmen müsste o.ä. Ich laufe noch ein bisschen im Zimmer auf und ab, versuche ein bisschen zu lesen, merke aber, dass ich innerlich zu unruhig bin, um mich auf das Buch zu konzentrieren. Um 19:30 beschließe ich, nochmal auf Toilette zu gehen und mich anschließend auf den Weg zum CTG zu machen. Um 19:40 Uhr haben der Mann und ich folgenden Chatverlauf:

Daraufhin laufe ich zum Kreißsaal vor, für das nächste CTG und um zu berichten, dass eben die Fruchtblase geplatzt ist. Auf dem Weg muss ich immer wieder stehen bleiben, die Wehen werden langsam knackiger. Das CTG möchte ich im Stehen machen, ich muss in Bewegung bleiben, so kann ich die Wehen besser veratmen.
20:00 Uhr: Ich stehe am CTG. Die Wehen werden immer schmerzhafter. Ich versuche, jede Wehe anzunehmen, wiederhole im Kopf mantra artig, dass ich das schaffe, ich gleich bestimmt in die Wanne kann (ich hatte mir eine Wassergeburt gewünscht) und gleich der Mann bestimmt an meiner Seite sein darf und wir bald unser Baby im Arm halten können. Bei jeder Wehe stütze ich mich am Tisch ab und versuche mit der Hüfte zu kreisen, um die Schmerzen zu verarbeiten. Aus Veratmen wird sehr schnell laut Vertönen, irgendwie müssen die Schmerzen raus. Die Pausen zwischen den Wehen werden immer kürzer, bis sie quasi nicht mehr existent sind.
20:20 Uhr: Die Ärztin kommt mit der Hebamme zu mir, sieht sich das CTG an und teilt mir mit, dass sie mir einen Wehenhemmer geben, damit ich aus dem Wehensturm rauskomme. Ich muss mich auf die Liege legen, ich bekomme den Wehenhemmer über den Zugang verabreicht und der Muttermund wird ertastet. 4 cm. Wir können in den Kreißsaal, sie rufen den Mann an, dass er dazukommen darf. Die Wehen sind im Liegen kaum auszuhalten, aber ich muss wegen dem Wehenhemmer noch ein paar Minuten liegen bleiben. Von seiner Wirkung spüre ich kaum was, immer noch jagt eine Wehe die nächste, ich kralle mich in die Liege.
[Ich werde angerufen, dass meine Frau in den Kreißsaal gefahren wird. Ich soll mir aber keinen Stress machen, das dauert bestimmt noch…]
20:30 Uhr: Mir wird gesagt, dass der Mann unterwegs ist und die Hebamme möchte mit mir in den Kreißsaal rüber gehen. Ich stehe auf und laufe Wehen veratmend an ihrer Hand Richtung Kreißsaal, die Idee nochmal an der Toilette Halt zu machen verwerfen wir, weil mir schwindelig wird. Die Hebamme manövriert mich zum Kreißbett. Mir wird eine Infusion angehängt. (Penicillin wegen positiven Streptokokken-Abstrich im Vorfeld) Ich kann mir nicht vorstellen diese Schmerzen noch länger zu ertragen. Die Hebamme meint plötzlich, als ich eine Wehe rausschreie. „Nicht schreien, pressen!“
20:45 Uhr: Bitte was!? Vor 20 Minuten war mein Muttermund gerade mal bei 4cm. Wieso denn auf einmal pressen? Und der Mann ist noch nicht da [weil ich draußen sitze und auf das Ergebnis meines Coronatests warte], ich wollte doch in die Wanne… Tausend Gedanken schießen in meinen Kopf, keinen kann ich klar denken. Da setzt plötzlich auch der Pressdrang ein. Und ab jetzt bin ich voll da. Ich will nur noch mein Baby auf die Welt bringen. Von der Hebamme angefeuert, presse ich mit jeder Wehe und noch über die Wehen hinaus. Ich bekomme am Rande mit, dass die Ärztin mir mitteilt, dass der Mann da ist, er noch auf das Ergebnis seines Schnelltests wartet bis er rein darf. Die Hebamme sagt ihr, dass sie ihn einfach reinholen soll, weil er sonst alles verpasst. Mit der nächsten Presswehe ist der Kopf da.
21:00 Uhr: Die Tür geht auf und der Mann stolpert in den Kreißsaal. Unser zweiter Sohn ist geboren.
21:01 Uhr: Unser zweites Wunder ist da. Vor nicht mal drei Stunden war ich überzeugt davon, noch bestimmt bis morgen auf ihn warten zu müssen und jetzt legte die Hebamme mir plötzlich schon dieses kleine Bündel Glück auf die Brust. Während die Ärztin alles vorbereitet, um meine Verletzungen zu versorgen, versorgt die Hebamme mit dem Mann unsere Erbse. 55 cm groß, 3540 g schwer und einen Kopfumfang von 36 cm.
Während mein Dammschnitt genäht wird, realisiere ich langsam, dass das tatsächlich gerade alles passiert ist. Die Geschwindigkeit des Ganzen hat mich ehrlich überfordert. Ich brauche noch eine ganze Weile, um das alles zu verarbeiten und auch die Erbse muss sich erstmal an die neue Umgebung gewöhnen, in die er so schnell rein gerutscht ist. Aber wir sind beide wohl auf und der Mann und ich sind zwar überrumpelt von den Ereignissen, aber überglücklich über unseren kleinen, wundervollen Neuzugang.


Gut, dass ich aus dem Alter raus bin und keine Geburtsschmerzen mehr ertragen muss. Ich bin sehr stolz auf dich. HDGDL Mama
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