3, 2, 1… Mutter!

Nein, das ist nicht der erbärmliche Versuch, zwei Lieder von Rammstein zusammenzuwerfen. (Auch wenn das sicherlich ebenso eine schöne Beschäftigung wäre.) [Es gibt im Übrigen kein Lied von Rammstein, das von 3 nach unten zählt, auch wenn es verschiedene Lieder gibt, in denen nach oben gezählt wird, z.B. Links 234. Auf Nachfragen fiel der Frau auf, dass sie vermutlich an Augen Auf von Ooomph! gedacht hat. – Der Mann, zählt auch gerne Erbsen] Es ist einfach die beste Zusammenfassung, die mir bisher eingefallen ist, für meine Gefühle nach der Geburt des Möhrchens. Und es ist eine sehr vielschichtige Gefühlslage, die hier zum Ausdruck gebracht wird. Von „3, 2, 1 … Party!“ bis „3, 2, 1 … rette sich wer kann!“ ist alles dabei. Nach neun Monaten der intensiven Vorbereitung (Säuglingspflege- und Geburtsvorbereitungskurs inklusive) sollte man meinen, man sei bereit für alles, was da so kommen mag. Aber kein Kurs der Welt kann einen auf die Gefühle vorbereiten, die einen mit einem Schlag treffen, wenn man sein Kind das erste Mal im Arm hält. (Ich weiß, das klingt wie ein lahmes Klischee, aber in meinem Fall trifft es einfach voll zu.) Selbst jetzt, über ein Jahr später, überkommt es mich immer mal wieder ganz plötzlich, wie sich mein Leben innerhalb einer Sekunde völlig auf den Kopf gestellt hat. Wir hatten letztens sehr gute Freunde zu Besuch, die wir leider viel zu selten sehen (danke euch nochmal, wir freuen uns schon aufs nächste Treffen!), und da kam auch irgendwann der Moment: „Ich kann kaum glauben, dass ihr wirklich ein Kind habt.“ Ja, es ist immer noch irgendwie verrückt, dass wir nicht mehr einfach nur „Ehepaar“ sind, sondern „Eltern“.

Und was für Eltern sind wir eigentlich? Ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass alle werdenden Eltern irgendwie ein Bild von sich als Eltern im Kopf haben. Auch wenn man in den neun Monaten Schwangerschaft gefühlt manchmal mehr mit der Geburt beschäftigt ist, als mit der Zeit danach (Geburtsvorbereitungskurse, die Kliniktasche, die Frage nach PDA ja oder nein, usw. sind – zumindest bei mir – manchmal doch präsenter gewesen, als die Frage welche Windeln wir nutzen wollen und wie die Nabelpflege sich genau gestaltet), hat man zumindest eine grobe Vorstellung davon, wie man als Eltern handeln möchte. Und nach dem ersten Jahr als Mama bin ich langsam soweit, dass ich versuche, keine großen Vorstellungen von mir als Mama in der Zukunft zu haben. Wie sich gezeigt hat, kommt es sowieso anders, als man denkt.

[Ab hier jetzt also eine Aufzählung der ‚typischen‘ Sätze, die man NIEMALS sagen wird, und eine Erläuterung, warum wir sie dann doch gesagt haben. Der Mann, hat gerne Ordnung in Texten]

„Wir werden nie eines der Paare, die sich dauernd über den Windelinhalt unterhalten.“

An dieser Stelle ein dickes Sorry an alle, die nicht wissen wollten, dass, nachdem das Kind viele Blaubeeren gegessen hat, die Windel tatsächlich nach Blaubeeren riecht. (Mehr muss ich dazu gar nicht sagen, oder?) [DAS ist das Beispiel, das dir einfällt? Nicht „Oh, das Müsli, das du gerade isst sieht aus wie die Windel heute morgen“ oder „SCHON VIER STINKEWINDELN HATTE ER HEUTE! VIER! WAS FÜTTERST DU EIGENTLICH?!“]

„Mein Kind wird früh schon alleine in seinem Zimmer schlafen.“

Hey, er schläft immerhin inzwischen in seinem Zimmer ein. Vielleicht nicht in seinem Gitterbett, sondern auf einer großen Matratze, eng an mich gekuschelt, aber ich kann inzwischen sogar an den meisten Abenden das Zimmer verlassen und gemütlich mit dem Mann auf dem Sofa liegen. Und, wenn das Möhrchen dann wach wird und zum weiterschlafen viel Nähe und im Regelfall auch die Brust braucht, ist das in unserem großen Bett nun mal für alle Beteiligten die bequemere Lösung. Auch wenn ich selbst nie ein Familienbett wollte, ich kann inzwischen absolut nachvollziehen, was andere daran finden und ich bin weit davon entfernt, es für uns wirklich völlig auszuschließen. Wer weiß schon, wie das wirklich laufen wird, wenn wir mal endgültig abgestillt haben. Apropos …

„Ich stille ein halbes Jahr und dann stillen wir entspannt ab, damit wir das durch haben, bevor meine Elternzeit endet.“

(Ach, was haben wir da alle herzlich gelacht.) Zu dem Thema: Stillen ist etwas so individuelles. Bei den einen funktioniert es super und Kind und Mama genießen eine innige, harmonische Stillbeziehung, bei anderen gibt es vielleicht, wie bei uns, einen etwas holprigen Start, es spielt sich dann aber schon irgendwie ein, bei anderen funktioniert es vielleicht gar nicht. Und auch die Frage, wie lange man stillt, ist einfach nicht so pauschal zu beantworten, wie es von außen vielleicht aussehen mag. Ja, ich wollte schon lange abgestillt haben. Ja, ich empfinde das Stillen als körperlich sehr anstrengend. (Bright side: Hat super geholfen, den Babyspeck und noch deutlich mehr zu verlieren. Vor dem Jojo-Effekt, habe ich jetzt schon Panik!) Aber nein, ich möchte das Abstillen nicht forcieren, denn: Das Möhrchen braucht es abends/nachts eindeutig noch. Und ihn stundenlang, weinend in den Schlaf zu tragen wäre körperlich sicherlich nicht minder anstrengend. Weder für mich noch für ihn. Wir stillen ab, wenn es für beide Seiten passt.

„Wir werden nicht allen Leuten ungefragt Fotos von unserem Baby zeigen.“

Aber er ist wirklich ein sehr niedliches Baby/Kleinkind. Ehrlich!

„Wir werden nicht zu den Eltern, die extra mit dem Auto um den Block fahren, damit das Kind schläft.“

Okay, tatsächlich haben wir ihn bisher (glaube ich) noch nicht bewusst nur um des Schlafens willen ins Auto gesetzt. Aber: das Möhrchen ist kein sonderlich guter Schläfer und es ist quasi unmöglich, ihn schlafend aus dem Auto zu befördern, ohne ihn zu wecken. Und so ein spontanes „Parkplatz-Picknick“, weil das Kind auf dem Heimweg im Auto eingeschlafen ist, hat durchaus auch etwas romantisches. (Ich hatte zwischendurch schon die Befürchtung, im Drive-through des Fastfood-Laden unseres Vertrauens bald mit Namen begrüßt zu werden.) [Anmerkung hierzu: Wir werfen den Kleinen tatsächlich regelmäßig in den Kinderwagen, damit er schläft, weil er zumindest tagsüber da auch mal längere Nickerchen hält; außerdem tuen die Spaziergänge auch uns Eltern gut.]

„Wenn das Baby auf der Welt ist, werden wir uns endlich richtig gesund ernähren.“

(Der vorangegangene Punkt erklärt das eigentlich schon, oder?) Jetzt, wo das Möhrchen bei uns richtig mitisst und keine „gesonderte“ Kost mehr bekommt, ist das tatsächlich der Fall. Wir entdecken gerade neue Gerichte für uns und essen deutlich gesünder. (Okay, vielleicht nicht „gesund gesund“, aber immerhin so, dass ich damit ruhigen Gewissens leben kann.) Aber: Die erste Zeit mit Baby? Ich habe mich noch nie so viel von TK-Kost und Fastfood ernährt wie in den ersten Monaten nach der Geburt. Wer hat da denn auch bitte wirklich die Energie, sich in die Küche zu stellen und vernünftige Mahlzeiten vorzubereiten? (Ich jedenfalls nicht. Vielleicht beim nächsten Kind, da soll sowas ja angeblich alles irgendwie einfach funktionieren.)

„Ich werde nie die angelutschten Brezenreste o.ä. meines Kindes essen.“

Ein Punkt, in dem ich wirklich, wirklich strikt sein wollte. Ich finde das nämlich, auch jetzt als Mama, noch alles andere als appetitlich. Aber: Wenn dein Kleinkind dich mit großen Kulleraugen anstrahlt und dir ein angelutschtes Stückchen Brot hinhält, weil es dich füttern möchte, dann machst du eben den Mund auf und genießt dieses Stück Brot, so, als wäre es eine verdammte Trüffelpraline! So furchtbar es dich innerlich dabei schütteln mag, das Lachen und Strahlen deines Kindes, das super stolz darauf ist, dass es die Mama füttern kann, ist es allemal wert. [Ich werde nie gefüttert. Mir wird höchstens was hingehalten, weggezogen und dann der Mama gegeben. Und/oder vorher in meiner Hand deponiert.]

„Wir werden nicht in Babysprache reden.“

Ich bin immer noch der Meinung, dass wir die meiste Zeit „normal“ mit dem Möhrchen reden. Und das finde ich auch immer noch wichtig. Aber: Jetzt, wo das Möhrchen immer mehr anfängt zu brabbeln, erwische ich mich doch auch immer wieder dabei, wie ich ihm einfach nachbrabbel und so eine kurze „Unterhaltung“ zustande kommt. Oder auch, dass ich plötzlich bestimmte Begriffe nutze, die ich noch aus meiner Kindheit irgendwo im Hinterkopf habe oder die sich sonst irgendwie (ja, wie eigentlich?) ihren Weg in unseren Sprachgebrauch geschlichen haben. (Das vermutlich aktuell gebräuchlichste Beispiel: Banane wird immer mal wieder zu „Nane“.)

Ich könnte diese Liste vermutlich noch über drei Seiten weiterführen, aber ich denke, der Punkt ist klar. Es kommt manchmal eben anders als man denkt. Und meine neue Devise für meine Vorstellung davon, wie wir uns als Eltern in der Zukunft so schlagen werden? Ganz einfach: Wir werden uns mit viel Liebe, Geduld und einer Portion Kreativität auf die jeweilige Situation einstellen und das für uns Beste daraus machen. (Natürlich haben wir auch unsere grundsätzlichen Ansichten über Erziehung, die wir verfolgen und über die der Mann und ich auch viel reden, aber in diesen kleinen Details bin ich inzwischen deutlich offener.) Denn so plötzlich wie man (gefühlt) Mutter wird, so plötzlich ändern sich auch die Anforderungen. Das Möhrchen entwickelt sich im Moment so rasend schnell, das unsere Abläufe und Routinen von heute vielleicht morgen schon nicht mehr funktionieren. Also verzichten wir auf die großen Pläne und genauen Vorstellungen und genießen lieber jeden Augenblick, so gut es eben geht.

Ein Gedanke zu „3, 2, 1… Mutter!“

Hinterlasse einen Kommentar