Der Geburtsbericht

Ich hatte ja mal angedeutet, dass ich gerne einen Geburtsbericht oder etwas in die Richtung schreiben würde. Da sich einige von euch daran interessiert gezeigt haben, traue ich mich jetzt endlich mal daran und versuche, zusammenzufassen, wie die Geburt vom Möhrchen so vonstatten ging. Vorne weg sei noch erwähnt, dass das inzwischen schon über ein Jahr her ist und ich mir sicher bin, nicht mehr jedes kleine Detail richtig im Kopf zu haben. Aber der Mann und ich haben im letzten Jahr immer wieder mal den Tag der Geburt (bzw. die Tage rund um die Geburt) Revue passieren lassen und ich bin zuversichtlich, zumindest einen guten Eindruck davon schaffen zu können. [Ich war übrigens auch dabei, eventuell kommentiere ich ein bisschen mehr; ich benutze eckige Klammern zur besseren Unterscheidung und werde zur besseren Lesbarkeit nicht jeden Kommentar ‚unterzeichnen‘, sondern auch mal einen eigenen Absatz einziehen oder mich einfach so hinter eine Anmerkung der Frau klammern. So wie hier. – Der Mann, unterzeichnet doch nochmal]

Eine Anmerkung sei mir noch gestattet, bevor wir starten: Ich hatte (glücklicherweise!) keine super komplizierte Geburt, aber es war eben auch kein Spaziergang an einem lauen Sommerabend. Wenn ihr also gerade schwanger seid, euch wünscht schwanger zu werden oder euch einfach eure Vorstellung vom Wunder der Geburt nicht „entweihen“ möchtet, solltet ihr hier aufhören zu lesen. (Ich habe in der Schwangerschaft beispielsweise selber einen riesen Bogen um Geburtsberichte gemacht. Wer jetzt noch liest, kann nachher nicht sagen, ich hätte ihn nicht gewarnt!)

[Mancher kennt vielleicht die Wendung, dass etwas „eine schwere Geburt“ war, die man verwendet, wenn etwas komplizierter war, als man es erwartet hat; da ich mich selber für witzig halte, sage ich manchmal „Dass war eine schwere Geburt. Anders als die vom Möhrchen“. Die Frau rollt dann immer die Augen. – Der Mann]

Ich möchte gerne ein bisschen vor der Geburt anfangen, mit meinem letzten Kontrolltermin beim Frauenarzt. Ich hatte eine recht unkomplizierte Schwangerschaft. Von den bekannten Problemen, wie Sodbrennen und geschwollenen Füßen, mal abgesehen (bei dem Sommer 2018 mit 35°C auch wenig verwunderlich, dass meine Knöchel quasi unkenntlich waren), ging es mir gut und dem Kleinen ebenso.

Ich bin also mit dem Mann zum Kontrolltermin beim Frauenarzt, so ca. eine Woche vor ET (für alle, die noch nicht so mit den Abkürzungen vertraut sind: errechneter Geburtstermin). Meinem Frauenarzt gefällt die Fruchtwassermenge nicht und er schickt mich zur Sicherheit zum Doppler-Ultraschall ins Krankenhaus. Er ist der Meinung, dass man spätestens zum ET die Geburt einleiten sollte, wenn sich der Kleine bis dahin nicht von sich aus auf den Weg macht. Zwei Tage später sind wir also zum Ultraschall im Krankenhaus. Der Arzt dort kontrolliert die Fruchtwassermenge und kommt zu dem Ergebnis, dass noch ausreichend Furchtwasser da ist und meint, persönlich würde er sagen, bis ET+7 könnte man dem Möhrchen noch Zeit lassen, bevor man einleitet. Nach einem Telefonat zwischen Klinikarzt und meinem Frauenarzt wird dann aber doch entschieden, schon am ET einzuleiten. Mein Fraunarzt möchte kein Risiko eingehen, der Arzt im Klinikum schließt sich dem schließlich an, da mein Frauenarzt mich und meine Schwangerschaft natürlich genauer kennt. Ich bin etwas überfordert mit dem ganzen, stimme aber zu. (Brave Erstgebärende, die ich war, hört man natürlich auf die Meinung der Ärzte.)

Uns bleibt also knapp eine Woche, um das Möhrchen zu motivieren, sich doch aus eigenem Antrieb auf den Weg zu machen. Tipp des Klinikarztes: Spazierengehen (okay, jeden Abend eine kleine Runde um den Block watscheln – anders konnte man meine Fortbewegung zu dem Zeitpunkt nicht mehr nennen). Ordentlich warm baden (bei 35°C Außentemperatur… super angenehm…) und (mein absoluter Favorit im 9. Monat und bei den Temperaturen):Geschlechtsverkehr. Ich will das Möhrchen wirklich gerne ohne Einleitung zur Welt bringen, aber nach dem Spaziergang und dem warmen Bad bin ich dann mehr als bedient.

So, jetzt heißt es jedenfalls eine Woche Abwarten und Tee trinken, für Dienstag habe ich dann gegebenenfalls einen Termin zur Einleitung in der Klinik. Die Woche vor der Geburt hatten wir meine Mama zur Unterstützung im Haus. (Wir wohnen ja inzwischen ein Stückchen von unseren Eltern entfernt – ca. 230 km – und deswegen hatte meine Mama sich dankenswerterweise für die Woche vor ET und noch zwei Wochen nach der Geburt bei uns einquartiert, um uns unter die Arme zu greifen. So konnten der Mann und ich uns voll auf die Geburt und das Kennenlernen unseres Möhrchens konzentrieren und meine Mama hat unseren Haushalt geschmissen und ist uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Was uns nochmal besonders den Rücken gestärkt hat, da ich keine Hebamme hatte.) Die Tage vergehen recht zäh, meine Mama kocht fleißig für uns vor und friert Essen ein für die Zeit im Wochenbett, ich mache mit ihr gemeinsam noch die letzten Besorgungen fürs Kinderzimmer und watschel jeden Abend mit dem Mann eine Runde um den Block und nehme vor dem Zubettgehen ein Bad. Es tut sich nichts. Nicht mal eine kleine Mini-Wehe ist in Sicht. Montag, also einen Tag vor dem ET, fühle ich mich nach dem Aufstehen schon sehr unwohl, mir ist schwindlig und ich komme überhaupt nicht in die Gänge. Auf Mamas Anweisung hin wird Blutdruck gemessen: 180/110 (beim unteren Wert bin ich mir ehrlich nicht mehr 100%ig sicher, der Blutdruck war jedenfalls massiv zu hoch). Daraufhin überprüfen wir dann alle halbe Stunde meinen Blutdruck, bis es meiner Mama nach zwei Stunden zu mulmig wird und ich im Krankenhaus anrufe. (Dazu muss man vielleicht wissen, dass meine Mama bei meiner Geburt damals vor Termin eingeleitet wurde aufgrund von zu hohem Blutdruck und das ganze da ein bisschen dramatischer verlaufen ist, als bei mir und dem Möhrchen, daher war meine Mama bei meinem Blutdruck sehr beunruhigt.) Die meinen, dass ich vorbeikommen soll und am besten gleich meine Tasche mitbringe, da ich ja sowieso am nächsten Morgen schon zur Einleitung erwartet werde und sie mich dann aller Wahrscheinlichkeit nach gleich da behalten werden. (Na super.) Der Mann und ich also mitsamt Gepäck auf in die Klinik. Natürlich ist mein Blutdruck da dann mit 140/90 wieder voll im Rahmen. (Wie hätte es auch anders sein sollen?) Auch das CTG ist unauffällig, aber wie schon am Telefon angekündigt, wollen sie mich zur Sicherheit lieber gleich da behalten. Es geht also aufs Zimmer und heißt warten bis zur Einleitung am nächsten Morgen. Der Mann und ich verabschieden uns abends voneinander mit den Worten „Morgen sind wir dann zu dritt.“ (Ach, wie blauäugig wir doch waren.)

Dienstagmorgen. ET. Nach dem Frühstück werde ich dann nochmal genauer über das ganze Einleitungsprozedere aufgeklärt. Gestartet wird mit dem sogenannten „Wehen-Cocktail“, einer Art Smoothie aus Aprikose, Mandelmuss und Rizinusöl (beim Gedanken daran schüttelt es mich heute noch ein bisschen). Wirkt abführend und die Darmtätigkeit soll die Gebärmutter anregen sich in Bewegung zu setzen und die Wehen in Gang zu bringen. Sollte das nicht wirken, wird für die Nacht von Dienstag auf Mittwoch ein Ballonkatheter eingesetzt. Also, eine Art Ballon in die Gebärmutter eingeführt, der dann mit Flüssigkeit gefüllt wird, so dass von innen ein Gewicht auf den Gebärmutterhals drückt. Das Ganze hat also das gleiche Ziel, die Gebärmutter dazu zu bringen, von sich aus den Geburtsvorgang zu starten. (Sorry für die eventuellen Bilder in euren Köpfen.) Sollte das, wider erwarten, immer noch nichts in Gang bringen, würde am Mittwoch dann zur ersten Tablette gegriffen. Über den Tag verteilt drei Tabletten mit geringer Dosierung von Wehen-Hormonen. Sollte das nicht wirken am Donnerstag dann die nächst höhere Dosis usw. usw. bis zum Wehen-Tropf, also der vollen Hormonkeule, die dem Körper sozusagen ‚mitteilt‘, dass er bitte das Kind mal rauspressen sollte, weil ja das ganze System voller Geburtshormonen ist. (Nach Angaben beider Omas war das wohl die präferierte Methode zur Einleitung, als ich und der Mann zur Welt gekommen sind.) [Dazu später mehr.]

Gesagt getan, am späten Vormittag gibt es besagten Cocktail. (Yummy.) Geschmacklich ist der gar nicht mal so schlimm, aber mit der Konsistenz habe ich wirklich meine Schwierigkeiten. (Zugegebenermaßen bin ich da aber auch etwas empfindlich.) Die letzten drei Schlucke kosten mich jedenfalls sehr, sehr viel Überwindung. Von dem Moment an muss ich regelmäßig zum CTG antreten, um zu überwachen ob sich wehentechnisch irgendwas tut. (Entschuldigt, jetzt wird es kurz unappetitlich.) Eine Nebenwirkung von Rizinusöl kann übrigens Erbrechen sein. Was dann natürlich zur Folge hat, dass die abführende Wirkung nicht zum Zuge kommt, da ja das abführende Zeug mit ausgespuckt wird. Ich habe einen klassischen „Saumagen“, mich wirft in der Hinsicht also eigentlich nichts so leicht aus der Bahn, das letzte mal Übergeben hatte ich mich zu dem Zeitpunkt etwa vor 10 Jahren (nach einer etwas zu wilden Party). Nun. Wir wissen jetzt, dass Rizinusöl meinem Magen nicht freundlich gesonnen und anscheinend keine geeignete Methode zur Einleitung einer Geburt für mich ist. Jedenfalls behalte ich den Cocktail nicht lange bei mir und daher macht das auch null Eindruck auf meine Gebärmutter. Damit heißt es Dienstagabend also: Ballonkatheter. Normalerweise ist das wohl eine sehr schonende Methode der Einleitung und auch kein großer Aufwand, diesen Ballon einzuführen. Allerdings ist mein Körper wohl noch nicht so geburtsbereit, wie wir uns das alle vorgestellt haben. Jedenfalls braucht die Frauenärztin, die an diesem Abend Dienst hat, drei Anläufe und sehr viel Kraft, um dieses Ding einzusetzen. (Und nochmal sorry für die Bilder, aber: Ich hatte das Gefühl, die würde ihren kompletten Unterarm in mir versenken, um irgendwie an meine Gebärmutter ranzukommen.) Nach dieser Aktion bin ich dann auch erstmal bedient und froh ins Bett zu kommen. (Beinahe wäre der Mann noch mit zum Einsetzen gekommen, um Händchen zu halten. Zum Glück mussten wir eine ganze Weile auf die Ärztin warten, weswegen ich ihn doch vorher nach Hause geschickt habe. Das war sicher kein lustiger Anblick, wie ich mich da in den Sitz gekrallt habe.)

Mittwochmorgen. ET+1. Der Ballonkatheter sollte im Idealfall den Gebärmutterhals so weit dehnen, dass der Ballon einfach von alleine rausfällt. Pustekuchen. Alles unverändert, der Ballon hat genau null Wirkung gezeigt. Also das Ding wieder rausgenommen und ab zur ersten Tablette. Die CTGs nach der ersten Tablette bleiben unauffällig, also mittags die zweite. Die CTGs bleiben weiter unauffällig, weit und breit keine Wehe in Sicht. Inzwischen sind übrigens mein Vater und meine Schwiegermutter bei uns daheim eingetroffen. Es sind ja alle davon ausgegangen, dass wir Dienstag unser kleines Wunder in den Armen halten würden.

[Das war wirklich witzig, werdender Vater, werdende Oma 1, werdende Oma 2 und werdender Opa sitzen gemeinsam im Wohnzimmer und warten darauf, dass werdende Mama endlich das Kind aus ihrem Körper kriegt, damit wir alle aufhören zu werden und endlich sein können. Irgendwann haben wir uns ja fast gewünscht, dass die Frau einfach an den Tropf gehangen wird, damit sich das Thema erledigt hat – noch zwei Tage zuschauen, wie Dinge in die Frau geschoben werden / die Frau Tabletten schluckt, ohne das was passiert, konnten und wollten wir dann wirklich nicht aushalten …]

Abends gibt es die dritte und damit letzte Tablette des Tages, das CTG direkt nach der Tablette ist (Wunder, oh, Wunder) unauffällig. Ich schicke den Mann also mit den anderen Essen mit den Worten „Da passiert heute eh nichts mehr.“ Um 20:15 Uhr (genau zur Primetime), ich liege im Krankenhaus in meinem Bett und habe, nach einem kleinen Plauderstündchen mit meiner netten Zimmernachbarin (deren Baby zu dem Zeitpunkt leider noch auf der Neugeborenen-Station betreut wurde, aber zum Glück schon einen Tag später gesund und munter mit der Mama zusammen entlassen worden ist), es mir gerade mit einem Buch gemütlich gemacht, da knackt es plötzlich sehr deutlich in meinem Bauch. (Ernsthaft, das war ein richtig deutlich hörbares Knacken.) Und das ganze Bett ist nass. Ich sitze völlig perplex im Bett und starre auf meinen Bauch. Meine Zimmernachbarin fragt, was los ist. „Ich glaube, meine Fruchtblase ist eben geplatzt.“ Daraufhin drückt sie die Klingel, um eine Schwester zu holen. Ich werde mit dem Rollstuhl zum Kreissaal, bzw. ins Wehen-Zimmer, zur Untersuchung gebracht. Die Hebamme kümmert sich super lieb um mich und ich realisiere langsam, dass tatsächlich meine Fruchtblase geplatzt ist und sich nun langsam, aber sicher etwas tut. Die Untersuchung ergibt: Köpfchen liegt gut im Becken (zwar noch etwas hoch, aber zumindest tief genug, dass ich aufstehen und mich bewegen kann), Gebärmutterhals ist aber noch kaum verkürzt und Muttermund kaum geöffnet und CTG auch immer noch unauffällig. Es heißt nun also viel gehen und abwarten wie es sich entwickelt. Ich rufe den Mann an und berichte ihm von der geplatzten Fruchtblase. Er soll aber noch nicht vorbeikommen, sondern lieber schlafen gehen, um möglichst fit zu sein, wenn es dann tatsächlich mal losgehen sollte. [Der Mann hat übrigens beim Essen mit den Worten „Da passiert heute eh nichts mehr“ ein zweites Bier getrunken, den Anruf auf dem Heimweg von der Pizzeria bekommen und schiebt dann etwa eine Stunde Panik, dass er sein Kind VÖLLIG BESOFFEN (denn so fühlt es sich an) in Empfang nimmt, aber zum Glück ist ja alles erstmal unauffällig.] Ich halte ihn auf dem Laufenden. Wo wir auch beim Stichwort sind: Die nächsten zwei Stunden laufe ich über die Flure der Station. Mit der Zeit machen sich dann doch tatsächlich Wehen bemerkbar. Das Laufen wird schwieriger, ich muss bei den Wehen inzwischen stehen bleiben und sie langsam veratmen. Es ist inzwischen 23:00 Uhr. Die nächste Untersuchung mit CTG. Es verzeichnet kaum eine Wehe und der Muttermund ist gerade mal bei einem Zentimeter. Die Hebamme schickt mich ins Bett, Kraft tanken. Vor morgen Früh wird sich da kaum etwas tun. Ich informiere den Mann und versuche, zu schlafen. Um 2:30 Uhr schlappe ich über den Flur zum Kreissaal. Die Wehen werden meiner bescheidenen Meinung nach stärker, entweder ich bekomme bald mein Kind oder ein Schmerzmittel, um schlafen zu können. Nach einer kurzen Untersuchung (Muttermund bei 2 cm) wird es letzteres. Also wieder ins Bett.

Donnerstag. ET+2. 5:45 Uhr. Ich werde von einer heftigen Wehe aus dem Schlaf gerissen. Bei dem Versuch, aufzustehen, wird mir schlecht. Ich bleibe erstmal liegen und versuche die Wehen, die recht schnell aufeinander kommen, zu veratmen bzw. zu vertönen. (Die armen Patientinnen in den angrenzenden Zimmern.) Meine Zimmernachbarin ist zu diesem Zeitpunkt schon bei ihrem Baby auf der Kinderstation, um es zu stillen. Ich schaffe es aufzustehen und komme gerade noch bis ins Bad, um mich zu übergeben (sorry) [Mein Geburtsbericht, oder: Wie ich lernte, zu spucken wie ein Lama beim Flatratesaufen. – Der Mann, super mit Titeln]. Ich schleppe mich wieder ins Bett. Dieses Spiel wiederholt sich noch drei Mal, bis ich es um 6:20 Uhr endlich auf die Reihe bringe, anstatt in den Kreissaal laufen zu wollen, auf die Klingel zu drücken und um einen Rollstuhl zu bitten. (Unter Wehen bin ich echt nicht mehr zurechnungsfähig.) Die Hebamme untersucht mich kurz und meint dann nur, dass wir meinen Mann informieren sollten. Muttermund bei 8 cm, es dürfte bald losgehen. Sie ruft bei uns zuhause an und gibt mir das Telefon. Meine Schwiegermutter ist dran, sie wirft meinen Mann aus dem Bett und schickt ihn ins Krankenhaus. Ich soll mit der Hebamme in den Kreissaal gehen. (Gehen?! Dein Ernst? Ja, ihr Ernst.) Als mir von der nächsten Wehe wieder schlecht wird vor Schmerzen, fällt der Satz, den ich in der Geburtsvorbereitung eigentlich für mich ausgeschlossen hatte, jetzt aber umso lieber höre: „Möchtest du eine PDA?“

JA! Bitte und am besten sofort! 7:00 Uhr, ich sitze im Kreissaal auf dem Bett, der Mann ist gerade angekommen und der Anästhesist legt mir die PDA. Mir ist speiübel und ich habe das Gefühl, wenn diese PDA nicht sofort wirkt, kommt das Kind zur Welt, während ich über der Kloschüssel hänge.

[Ich muss hier einen meiner liebsten Momente erzählen, der einfach völlig inkongruent mit allem war, was gerade passierte: Der Anästhesist hat Bereitschaftsdienst, und dieser geht bis 0800. Während er also der Frau die PDA legt, klingelt mehrfach sein Telefon. Jedesmal geht die Hebamme ran, die das Telefon gerade bei sich trägt (da der Anästhesist die Hände desinfiziert hat) und meldet sich. Dann hält sie dem Anästhesisten das Telefon ans Ohr. Meistens geht es darum, dass Menschen irgendwelche Telefonnummern wissen wollen, zumindest entnehmen wir das den (progressiv genervteren) Antworten, die der gute Mann ins Telefon gibt. Ein Anrufer will wohl, dass er eine Nummer raussucht, was er mit einem Verweis darauf, dass er GERADE EINER FRAU EINE NADEL IN DEN RÜCKEN JAGT abtut und dem Anrufer nahelegt, einmal selber nachzuschauen.]

Die PDA liegt, die Wirkung zeigt sich glücklicherweise recht schnell. Die Schmerzen weichen einem erträglichen Ziehen und die Übelkeit legt sich. Die Hebamme schickt den Mann auf Station, um mir etwas zum Frühstück zu besorgen. [Der Mann läuft wie ein Huhn ohne Kopf ums Mamastationsbüffet rum und wird von schon gewordenen Mamis amüsiert dabei beobachtet, wie er eine Banane, einen Müsliriegel und eine halbe, trockene Semmel auf das Tablett legt.] Ich soll Energie tanken. Dann lässt sie uns erstmal im Kreissaal allein. Dank der PDA ist es ehrlich ziemlich entspannt. Ich kann ein bisschen etwas essen, wir haben eine CD (Ed Sheeran) eingelegt und ich kann sogar nochmal ein bisschen dösen.

Um 8:30 Uhr wird mir ein Antibiotika verabreicht, da die Fruchtblase nun schon vor über 12 Stunden geplatzt ist und man so das Risiko einer Infektion beim Baby eindämmen will. Danach lässt auch die PDA langsam nach. Mir wird wieder schlecht. Die PDA wird nochmal aufgedreht.

10:30 Uhr. Die Wehen werden langsam schwächer. Das Köpfchen rutscht nicht richtig nach unten. Mir wird kurz ein Blasenkatheter gelegt, mit PDA kann ich nicht mehr aufstehen, um meine Blase zu leeren, die aber wohl dem Kopf im Weg ist, also muss das eben so gemacht werden. Mit Hilfe der Hebamme und des Mannes kniee ich mich nun aufs Kreissaal-Bett, über die Kopfstütze gelehnt, damit die Schwerkraft mithelfen kann. Um 10:43 Uhr wird mir ein Wehentropf angehängt. [Und die Musik wird auf Radio geändert, der gute Ed ist einfach nicht treibend genug.] Ich darf mich wieder hinlegen, aber es muss sich endlich was tun. Ich merke die Wehen wieder stärker, aber immerhin hält sich die Übelkeit in Grenzen. Meine Mama schaut im Kreissaal vorbei, um zu sehen, wie es läuft und sich zu erkundigen, ob sie den Mann ablösen soll. (Wir hatten meine Mama quasi als Backup eingeplant, falls der Mann „umkippt“.) Der Mann will in jedem Fall bleiben, geht nur kurz ein paar Minuten frische Luft schnappen und kommt dann wieder. Meine Mama setzt sich im Kreissaal in eine Ecke (der Raum ist wirklich groß), bereit, jederzeit einzuspringen, aber so dezent im Hintergrund, dass ich sie schon nach wenigen Augenblicken wieder fast vergessen habe. (Sorry Mama, du weißt wie ich es meine.)

Um 11:30 Uhr kommt der Arzt, der auch den Dopplerultraschall die Woche vorher bei mir gemacht hatte. Er erklärt mir, wie ich richtig presse, wenn es soweit ist. (Leider ist es sehr schwer schriftlich zu beschreiben, es war jedenfalls unglaublich witzig erklärt. Der Mann erzählt diese Geschichte leidenschaftlich gern.) [Ein wichtiger Teil davon war, dass der Arzt simulierte, das Krankenbett zu heben und dabei zu ‚pressen‘; man kann aber ‚richtig‘ und ‚falsch‘ pressen. Er demonstrierte beide Arten durch übertriebene Gesichtsausdrücke.] Mein rechtes Bein ist von der PDA eingeschlafen. Die Wehen werden weiter stärker und kommen wieder regelmäßiger. Ich veratme fleißig eine Wehe nach der anderen.

Um 12:30 Uhr kommt die diensthabende Ärztin zur Untersuchung. Der Muttermund ist komplett offen. Sie meint, wir könnten jetzt versuchen, mit dem Pressen anzufangen und geht die Hebamme holen. Die Hebamme fragt mich, ob ich überhaupt schon den Drang verspüre, zu pressen. Nicht wirklich. „Naja, versuchen wir es einfach mal. Die Ärztin will den Kreissaal haben, es ist gut was los heute.“ Wie bitte? Was versuchen wir jetzt? Ich glaube ich habe bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht richtig überrissen, dass ich tatsächlich gerade im Begriff bin, mein Kind auf die Welt zu bringen. Der Wehen-Tropf wird nochmal etwas aufgedreht. Die Hebamme hilft mir, mich in eine andere Position zu bringen. Ich liege jetzt auf der rechten Seite, die Hebamme steht am Fußende und ich stelle mein linkes Bein auf ihrer Schulter ab. (So im Nachhinein beschrieben klingt diese Position wirklich seltsam, ich hoffe ihr könnt euch vorstellen was ich meine.) Es tut sich noch nicht wirklich viel, aber ich versuche, mit den nächsten Wehen mitzupressen. Die Hebamme schlägt vor, mich auf die andere Seite zu legen, manchmal hilft ein Positionswechsel in solchen Momenten. Also wuchten wir mich mit dem durch die PDA immer noch tauben rechten Bein, das nun auf die Schulter der Hebamme kommt, auf die andere Seite und siehe da, die Wehen werden nochmal intensiver. Mit jeder Wehe presse ich mit. Die Hebamme feuert mich an. Der Mann muss sich setzen. (Er hatte zuvor die Wehen mit mir gemeinsam veratmet und dann beim Pressen automatisch versucht, auch mitzumachen. Das hatte wohl einen leichten Sauerstoffmangel zur Folge.) [Ja, es ist ziemlich dämlich, mitzupressen. Das ist mir jetzt auch klar geworden.] Nach nur fünf Presswehen heißt es plötzlich „Ich kann das Köpfchen sehen, willst du mal fühlen?“ (Das ist jetzt schwer zu beschreiben, auf der einen Seite eine super Motivation, weil man wirklich ertasten kann, dass es fast geschafft ist und auf der anderen Seite sehr befremdlich, einen kleinen Kopf zwischen den Beinen zu ertasten.) Nur noch zwei mal Pressen und es ist vollbracht. 13:09 Uhr, das Möhrchen erblickt das Licht der Welt! Unser kleines Wunder ist endlich da.

Ich weine, der Mann weint. Wir weinen und lachen vor Glück, Freude, Liebe, Erleichterung und allen Gefühlen dazwischen. Meine Mama darf die Nabelschnur durchschneiden. (Wir hatten das im Vorhinein besprochen, dass der Mann es nicht machen möchte – er hätte zu dem Zeitpunkt vermutlich auch noch nicht wieder sicher stehen können – und es dann meiner Mama angeboten, da sie ja mit im Kreissaal war.) Das Möhrchen wird in ein Handtuch gewickelt und mir auf die Brust gelegt. Da ist er, der erste Blick auf unser Baby. Der Kleine guckt mich mit großen, schwarzen Knopfaugen an. (Und verpasst mir direkt erstmal einen Kinnhaken. Eindeutig mein Sohn.)

Meine Mama, auch sichtlich überwältigt von ihren Gefühlen, macht sich auf den Weg, dem Rest der Familie Bescheid zu geben, dass der Kleine endlich da ist. Dann wird das Möhrchen von der Hebamme erstmal gewaschen, gewogen, vermessen und untersucht. 3200 g schwer, 54 cm groß und 36 cm Kopfumfang. Gesund und munter wird der Kleine das erste Mal dem Papa in den Arm gelegt. Ich werde diesen Anblick nie vergessen. Ein Moment, der mich so sehr mit Liebe erfüllt, dass die Tränen nur so fließen.

Während wir unser kleines Wunder anhimmeln, geht es bei der Hebamme daran, die Nachgeburt aus mir herauszubekommen. (Es tut mir leid, so ein Geburtsbericht ist nicht wirklich mit schönen Bildern im Kopf verbunden – von dem Neugeborenen mal abgesehen.) Nach einigem Drücken und ein paar Mal mehr oder weniger sanftem Ziehen an der Nabelschnur, ist zum Glück auch das erledigt. Dann kommt die Ärztin wieder an die Reihe. Anscheinend musste ein Dammschnitt gemacht werden (habe ich unter den Presswehen überhaupt nicht mitbekommen) und zusätzlich ist auch noch ein bisschen was eingerissen und abgeschürft. Ich gehe hier mal nicht weiter ins Detail. Jedenfalls werde ich noch eine gute dreiviertel Stunde genäht. Danach lassen uns die Ärztin und die Hebamme erstmal allein. Da sind wir drei nun. Papa, Mama und Kind. Unsere kleine Familie. Der Mann und ich sind ziemlich erledigt und total überwältigt von unseren Gefühlen. Das Möhrchen guckt uns einfach mit seinen großen Augen an und scheint die Welt um sich herum förmlich aufsaugen zu wollen. [Andere Kinder schlafen erstmal. Das Möhrchen hat jetzt schon Insomnia. Eindeutig mein Sohn.]

Um 15:00 Uhr werden wir schließlich wieder auf mein Zimmer gebracht. Meine Zimmernachbarin wurde in der Zwischenzeit bereits entlassen und so haben wir das Zimmer bis zum Abend erstmal für uns und können uns in Ruhe kennenlernen. Schon bald geht es dann ans erste Stillen und auch der erste Besuch ist noch am frühen Abend da. Spät am Abend schicke ich den Mann heim. Wir brauchen alle Schlaf und müssen den Tag erstmal verarbeiten. Das Möhrchen verbringt seine erste Nacht bei den Kinderkrankenschwestern im Kinderzimmer vorne und wird mir gebracht, wenn er gestillt werden will. So soll ich wenigstens etwas Schlaf finden, um am nächsten Morgen fit zu sein für mein Leben als Mama.

Ein Gedanke zu „Der Geburtsbericht“

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